interview

BORIS HAUF lebt in Berlin. Aufgewachsen in London und Wien, zieht es ihn zudem immer wieder nach Chicago, Ort wichtiger Inspirationsquellen für seine Musik. Im Frühjahr 2014 arbeitete er mit seinem neuen Quartett im Wiener Studio von Martin Siewert – Anlass für eine Gespräch über seine Arbeit von efzeg bis zur Transformation von Songs, von seinem ersten Jazzprojekt, wie er es nennt: „Postmarks“, über iterative rock bis zur Zusammenarbeit mit PerformancekünstlerInnen. Das Interview führte Nina Polaschegg.

Boris Hauf: Ich habe als Kind mit Klavier und Cello angefangen. Als wir von London nach Österreich gezogen waren, habe ich am Konservatorium Cello gelernt. Das Saxophon hat mir aber schon immer gefallen – aus verschiedenen Gründen: Auch, dass man stehen und herum gehen kann. Am Konservatorium in Wien gab‘s für mich allerdings ein grundlegendes Problem, nämlich den akademischen Zwang, dem man da ausgesetzt ist. Wenn du mit 15 das Schumann-Konzert noch nicht gespielt hat, dann bist du eh verloren. Über Renald Deppe bin ich dann zum Saxophon gekommen. Cello spiele ich nicht mehr, aber das Klavier ist immer noch ein zentrales Instrument für mich, auch der Synthesizer.

Klassisches Cellospiel, Klavierunterricht und die Welten des Saxophons – Ihre musikalischen Interessen sind weit gespannt und dennoch gelingt es Ihnen immer wieder, sie zu vereinen oder miteinander interagieren zu lassen.

Boris Hauf: Es gibt manchmal Momente, wo ich gerne eine einfachere musikalische Ausrichtung hätte. Einfach, weil es vielleicht auch die Rezeption meiner Person oder meiner musikalischen Richtung vereinfachen würde. Aber die Wahrheit ist, es gibt zu viel Interessantes, um sich nur auf Eines zu konzentrieren, zu viele interessante Musikerinnen und Musiker, Ideen und auch Applikationen und Musik, um sich nur auf eine Sache einzufahren. Es gibt auch Phasen, in denen ich mich mehr mit dem einen oder anderen beschäftige. Ich habe auch schon nur Noise gehört und dann wieder überhaupt nicht.

Beginnen wir vielleicht mit efzeg und der Zeit um den Jahrtausendwechsel. Es war ja eine sehr radikale Phase, nicht nur von Ihnen, sondern auch von anderen Vertretern der improvisierten Musik. Was für eine Zeit war das für Sie und wie hat sich Ihre Musik dann weiter entwickelt?

Boris Hauf: efzeg, das war DIE Phase in Wien. Ich habe das enorme Glück gehabt, mit den vier Musikern Dieter Kovacic, Burkhard Stangl und Martin Siewert spielen zu können. Wir haben immer gelacht. Es hat eigentlich keine Idee, kein klares Konzept gegeben. Wir haben uns hingesetzt und gespielt. Jedes Mal, wenn wir versucht haben, ein Konzept zu entwickeln oder sogar ins Studio gegangen sind, um eine Platte zu machen, hat es nicht funktioniert. In den fünf, sechs Jahren, in denen wir so aktiv miteinander gearbeitet haben, war efzeg sicher meine zentrale Band. Kleine Anekdote: Wir haben die erste Platte bei mir im Wohnzimmer aufgenommen, Dieter und Burkhard haben sich nicht mal gekannt. Martin und Dieter auch nicht. Wir haben uns am Vortag noch von Thomann Kabel, Mikros und Ständer bestellt, die per Express gekommen sind, haben dann improvisiert und alles aufgenommen. Sogar der Soundcheck ist auf der Platte. Es hat einfach vom Anfang an funktioniert. Nach einem Jahr war dann Billy Roisz mit ihren Visuals dabei.

Manchmal spielt einfach alles zusammen. Dennoch muss es ja einen Grund gegeben haben, vielleicht auch musikalisch, sich dieser Musik auszusetzen oder sich in diese Art Musik zu vertiefen. Sie kamen ja vom Jazz her oder zumindest vom jazztypischen Saxophonsound, oder?

Boris Hauf: Ich habe gar nicht so viel Jazz gespielt. Am Saxophon hat mich vor allem der Sound interessiert, orientiert habe ich mich am alten Jazz der 1930er, 1940er Jahre. Ben Webster war mein Soundideal. Nicht unbedingt musikalisch, obwohl mir die Musik gut gefällt. Aber ich wollte nicht wie die alten Tenormeister zu spielen. Renald Deppe hat mich viel experimenteller Musik ausgesetzt, wir haben eigentlich Nicht-Jazz gespielt. Für mich war es eine logische Weiterentwicklung dessen, woran ich gearbeitet habe. Warum mich gerade die Musiker interessiert haben, die dann bei efzeg mitgespielt haben? Es war eher ihr Sound, den ich spannend fand.

Wie hat sich Ihre Musik nach efzeg weiterentwickelt? Sie sind dann nach Berlin gezogen. Wien – Berlin ist ja eine traditionelle Achse.

Boris Hauf: Berlin war eigentlich eine private Entscheidung. Ich habe mit meiner Freundin einen gemeinsamen Wohnort gesucht. Ich mag die schönen breiten Straßen in Berlin, sie erinnern mich an Chicago. Und Berlin ist für mich die interessanteste Stadt in Europa. Und in Europa wollten wir bleiben. Berlin war der Endpunkt von efzeg. Wir haben versucht, es wieder aufleben zu lassen, aber es hat nicht funktioniert. Anfang 2000 war auch dieses soziale Element, das wir als Band gehabt hatten, natürlich nicht mehr da, als ich weg war. Es hat dann nicht mehr funktioniert.

Wie ist es musikalisch weiter gegangen. Was waren Ihre Gedanken, Fragestellungen, Ansätze?

Boris Hauf: Wie ich nach Berlin gezogen bin, habe ich anfänglich noch einige Improvkonzerte besucht und gespielt, mich in diesen Improkreisen bewegt und habe ich mich dann ziemlich davon bewusst entfernt. Ich wollte einen Neuanfang, habe mit Steve Heather und Tom Meadowcroft eine Band gegründet, TUB. Es hat angefangen als Rock-Cover-Band, ich habe nur Synths gespielt, dann hat es sich weiter entwickelt. Wir nennen es iterative rock, iterativ einfach, keine Loops, sondern ständige Neuentwicklungen, aber an einem einfachen Basismaterial orientiert. Für mich war ziemlich klar, dass ich das wollte.

Du verstehst Dich jetzt nicht mehr als Improvisator?

Boris Hauf: Mehr als irgendetwas anderes! Aber Strukturen oder Formen haben mich mehr interessiert als Material im Moment zu generieren. Das habe ich auch gemerkt, wenn ich in Konzerte gegangen bin. Als eine andere Band einmal efzeg auf formaler Ebene nachzumachen, war das für mich der Moment, mich dann endlich auch mal dem Song oder klaren Strukturen zu widmen. Deswegen auch die Rockband mit Steve und Tom.

War da in gewisser Hinsicht auch eine Art ästhetischer Endpunkt oder besser Wendepunkt für Dich erreicht?

Boris Hauf: Kein Endpunkt, eher ein langsames Fadeout, ein Crossfade. Wie ist es weiter gegangen? Eine Zeitlang habe ich weniger Saxophon gespielt, mehr Computer und Synths, dann habe ich gemerkt, dass mir das Physische fehlt, das Schwitzen und dann habe ich wieder mehr Saxophon gespielt. Das hängt natürlich auch mit der ganzen Chicago-Connection zusammen.

Ja, Chicago, wann genau warst Du dort?

Boris Hauf: 1999. Seither bin ich jedes Jahr dort, jetzt mit Kindern natürlich weniger, aber wir waren jedes Jahr drei bis vier Monate in Chicago. Dort habe ich extrem viel gelernt von den Musikerinnen und Musikern, auch über den Zugang zur Musik und zum Musikmachen. Das Angebot ist groß, du kannst jeden Abend sieben Konzerte anhören, alle auf einem unglaublichen Niveau. Dort kommen so viele Traditionen zusammen, Chicago war ein Knotenpunkt in den USA, da sind alle hin, Bluesmusiker und Jazzleute. Improvisation, House, Techno ist dort aber auch zum Blühen gekommen. Für mich ein Meilenstein. Ich bin zurück nach Wien und habe mehr oder weniger gleich efzeg gegründet oder reformiert.

Und wie kam es dazu, dass Sie nun das machen, was Sie heute machen? Projekte, die recht unterschiedliche Einflüsse vereinen, die auch recht unterschiedliches miteinander verschmelzen. Was ist da die Idee dahinter – wenn man einmal davon absieht, dass Sie natürlich viel Inspiration aufgesogen haben und immer mit offenen Ohren durch die Musiklandschaft gehen?

Boris Hauf: Ich arbeite ja auch viel für Tanz und Performance. Für mich eine bewusste Entscheidung, denn der formale und strukturelle Gedanke bei diesen Kreationen ist ein anderer als als Musiker. Meine Entscheidungen waren immer musikalisch geprägt. Aber in einem Performance-Kontext sind sie es nicht mehr. Ich spiele absichtlich nicht Saxophon. Das ist für mich ganz früh eine Entscheidung gewesen, weil ich finde, dass das Instrument zu konnotiert ist. Die einzige Ausnahme sind Performances, bei denen ich als Musiker auf der Bühne stehe, da spiele ich dann manchmal auch Saxophon. Aber die meisten Performances mache ich mit dem Computer oder anderen Instrumenten. In Berlin arbeite ich fix mit zwei Leuten zusammen, Martin Nachbar und Christina Ciupke. Jedes Jahr machen wir ein Stück zusammen.

Ich mache eigentlich nur das, was mir gefällt. Als Musiker hört man Dinge oder merkt, was einem fehlt, z.B. die erste Postmarks-CD. Postmarks, das ist ja so ein junges Projekt und es war meine erste bewusste Entscheidung, Jazz zu spielen – mit D Bayne, einem Chicagoer Pianist, der viel mehr Jazzbackground hat als ich. Die zweite Platte haben wir mit Martin Siewert in Wien aufgenommen. Der Jazzkontext und der Jazzsound, den ich spiele, ist ja Konzept, auch wenn ich manchmal ein paar Vierteltöne und Multiphonics spiele.

Martin Siewert bringt ein bisschen Körnigkeit hinein, dass es nicht zu glatt wird.

Boris Hauf: Ja, das Bild war so: D und ich sind Postmarks, das ist die Band und Martin ist ein Gast, zwar ein wichtiger Gast, aber grad, dass er nicht in einem anderen Raum ist. Er hat nur Zeitangaben gehabt und spielt keine Töne, Pitches. Manchmal habe ich auch das Bild von einer Kreissäge, die unsere Klänge ein wenig stört.

Auch ein wenig Ironie? Ein Fragezeichen? Auf jeden Fall wird das Ganze durch Martins Einwürfe ein bisschen durchgeschüttelt – zum Querassoziieren, Nachdenken. Erzählen Sie noch ein wenig über Ihre anderen Projekte. Eines davon ist ganz aktuell, Sie nehmen heute Nachmittag noch auf.

Boris Hauf: Ja, ganz aktuell. Wir sitzen ja auch in dem Raum, in dem ich gerade die Tage mit einer neuen Band aufnehme [Anm. Martin Siewerts Proberaum]: Steve Heather (Schlagzeug), Martin Siewert (Gitarre), Christian Weber (Bass) und ich (Baritonsax). Wir kennen uns schon ewig und haben in diversen Konstellationen miteinander gespielt.

Wie ist Ihr Vorgehen in dem Projekt? Kommt jeder mit Stücken, improvisieren Sie frei? Sie sind ja alles Musiker, die beides machen.

Boris Hauf: Wir haben Ideen, aber improvisieren frei. Man merkt, alle haben diesen freien Improbackground oder die Tools, wie man in so einem Kontext umgeht, aber wir arbeiten an den Sachen, haben auch ein bisserl so einen Rockband-Approach. Wir probieren was aus, und schauen dann, was funktioniert oder was man besser machen sollte. Auf der Bühne sollten Stücke im weitesten Sinne frei gespielt sein.

Ein weiteres Projekt ist Next Delusion, das Chicago Sextett mit drei Schlagzeugern und drei Saxophonen oder Hörnern, Bassklarinette ist auch dabei. Ich habe ein paar Anfragen gehabt, aber das können sich nicht so wahnsinnig viele Leute leisten. Wenn ich in Chicago bin, spielen wir. Ich bin auch total glücklich über das Projekt. Das war vielleicht ein bisschen das Zurückkommen in den Jazzkontext, aber formal sehr von meiner efzeg-Phase beeinflusst. Lange Entwicklungen, Gegenüberstellungen. Ich habe formale und inhaltliche Ideen im Studio präsentiert, improvisiert war es dennoch.

Dann gibt’s natürlich noch TUB, das Trio mit Steven und Tom, in dem wir iterative rock spielen.

Und Owl & Mack, das ist mein Solo-Song-Ding. Es war für mich immer ein Wunsch, Material zu haben, das ich in verschiedenste Konstellationen und in verschiedenste Umgebungen tragen kann, wo, einfach formuliert, der Song ist, woran sich die Umgebung orientieren kann. Es gibt den Text und fixe Akkorde, die Form ist offen oder kann geöffnet werden. Da singe ich wirklich. Letztens habe ich mit dem Martin in der Alten Schmiede gespielt. Die Idee hat Früchte getragen, dass ein Song ein Ort der Begegnung für verschiedene Musiker und Ansätze ist. Genau dieselben Songs habe ich ein paar Wochen früher mit einem Trio aus Texas gespielt; alle Harmonien wurden gesungen und ich habe Gitarre gespielt. Ich könnte mir auch vorstellen, in einem völlig anderen Instrumentationskontext zu spielen und zu singen. Es gibt immer das Material für Begegnungen unterschiedlichster Art. Trotz des Solo-Projektes: Am liebsten spiele ich natürlich mit Leuten.

Nina Polaschegg